Open Privacy oder Post Privacy? Gedanken zu einem Begriff und einem Trend

In Zusammenhang mit einigen Gesprächen zur Frage Privatsphäre und Transparenz, und in Folge eines Vortrags von mir zur Open Privacy als Megatrend, kamen wir auf die Frage nach dem optimal passenden Begriff für dieses Phänomen und dessen Elemente Internet, Kommunikation, Transparenz, Privatsphäre sowie dessen weitere Auswirkungen.

Das Phänomen der transparenten Privatsphäre ist durchaus von globalem Interesse, und es wird anscheinend zunehmend sichtbar und auf breiter Ebene diskutiert. Dies halte ich für sehr wichtig, denn in der Thematik steckt eine ganze Reihe an positiven Potentialen, wie aber auch handfesten Konflikten (lokal bis global).

Parole, parole, parole, … Worte sind keinesfalls Schall und Rauch.

Namen prägen für uns Menschen den Charakter einer Sache, denn sie sind das erste, dem man begegnet, bevor man sich mit den Details oder dem Wesen dahinter befassen kann. Da mir die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Trend und Thema der „transparenten Privatsphäre“ und mit deren Auswirkungen am Herzen liegt, machte ich mir zu den Begriffen dazu Gedanken. Wie wird von wem davon gesprochen? So nutzt der Social Media Berater Stowe Boyd den fürs deutsche Englisch oft weniger gut eingehenden Begriff Publicy als Gegensatz zu Secrecy, US-Autor Jeff Jarvis spricht von Publicness und in Deutschland nutzt unter anderem die Spackeria-Gruppe den für viele Deutsche verständlicheren Begriff „Privacy“ und spricht von Post Privacy.

Und ich halte für all dies stattdessen den Begriff der Open Privacy im Sinne von „Open Source Privacy“ für passender.

Meine Gedanken hierzu:

Wir Menschen öffnen Teile unserer Privatsphäre bereitwillig gegenüber unserem privaten Freundeskreis. Aber wir geben auch Anteile unseres Privatlebens via twitter, fooursquare, Blog, etc. nach außen frei – auch gegenüber anderen,, die wir persönlich nicht mehr kennen. Gegenüber potentiell jedem Nutzer des Web.

Wir leben Transparenz in Teilen unserer Privatsphäre. Freiwillig.

Wir verbinden uns über das Internet zu sozialen Gruppen. Letztendlich zu Ansammlungen von sehr vielen sozialen Kleingruppen – die teils untereinander vernetzt sind. Unsere Web-Communities (facebook, twitter, LinkedIn, XING etc) sind ein Teil davon, die Community-Unternehmen bieten uns allen die soziale Infrastruktur – und haben auch selbst ihren eigenen wirtschaftlichen Nutzen daraus.

Transparenz und Privatsphäre. Die Ursachen sind uralt und historisch – es sind soziale und soziobiologische Beweggründe, die den heutigen Dynamiken zugrundeliegen. Wirklich uralte Beweggründe, so grob gesagt 3 Millionen Jahre in etwa.

Wir Menschen sind soziale Lebewesen. Ohne sozialen Kontakt würde der einzelne Durchschnittsmensch eingehen.

Wir brauchen die eigene Gruppe. Nur mit unserer Gruppe können wir überleben – seelisch, spirituell, biologisch, geistig.

Das ist ganz einfach.

Was ist die kleinste Gruppe? Die Familie. Die nächstgrößere Gruppe ist dann die Großfamilie, die Sippe. Und die Gruppe und Sippe braucht jeden einzelnen so wie jeder einzelne die Grupppe braucht. Innerhalb der eigenen Familie und kleinen persönlichen Gruppe wissen wir stets, wie es den anderen geht. Damit sie gesund blieben und zusammmenhalten, sind die Mitglieder unserer direkten privaten Gruppe stets übereinander informiert. Das war schon früher so: Was macht der Schaf-Hirte, wo gibt’s die besten Fische, was sagt der Schamane, ist das Kind deiner Schwester wieder gesund? Und so weiter. Wir sind also in unserer Gruppe untereinander transparent. Viel transparenter als nach außen zu Leuten, die nicht zu unserer Gruppe zählen.

Transparenz und Privatsphäre – beides ist wichtig. Und von Mutter Natur so eingerichtet, damit wir schon damals vor 3 Milionen Jahren in unseren Sippen-Gemeinschaften überleben konnten. Denn die Gruppe schützt den einzelnen durch Transparenz nach innen. So erwarten und suchen die Mitglieder der Gruppe diese Transparenz bei ihrem Gegenüber.

Dieses soziobiologische Grundmuster funktioniert auch heute noch. Und jetzt besser denn je. Das Internet bringt uns zurück zur direkten Kommunikation, in die Nähe der lokalen Gruppe und Sippe.

Nur tauschen wir uns heute auch mit Leuten aus, die wir nicht zu unserem privaten Freundeskreis zählen. Unser Gruppen-Prinzip klinkt sich auch bei jeder anderen Interessengruppe ein – ob das nun die St.-Pauli-Fans sind oder die Fans und Gegen-Fans von Karl Theodor zu Guttenberg. Und innerhalb der Gruppe herrscht Transparenz – zumindest gleichberechtigt soviel, wie nötig ist, um die Gruppen-Identität aufzubauen und zu sichern.

Das uralte Gruppen-Prinzip klinkt sich immer ein. Und das wird für manche zum Problem. Es sind ja nicht nur Einzelpersonen sondern – im Rahmen ihrer „Social-Media-Aktivitäten“ – es sind nun auch Organisationen, Parteien oder Firmen, die sich *in* diese Gruppen begeben, als einfaches Mitglied oder als Gruppengründer. Es ist nur so, dass eben die meisten Institutionen und Organisationen es nicht gewohnt sind oder auch nicht gewillt, so transparent zu sein, wie es das menschliche Gruppenprinzip gnadenlos verlangt.

Sie übersehen, dass gerade im Web jede Firma und jede Partei und jede Marke zur virtuellen Person wird. Sie hat genau nur eine Stimme innerhalb ihrer Gruppe. Es ist dabei sogar egal, ob man beispielsweise diese Facebook-Fanpage selbst begründet hat und somit Urheber der Fangruppe ist. Für die anvisierte Gruppe Menschen (die Zielgruppe) ist die Marke, Firma, Partei, etc. unbewusst angenommenes einfaches Mitglied wie jedes andere Gruppenmitglied auch (dies lässt sich etwas abfangen durch mehrere Moderatoren, dennoch sind auch diese eher nur gleichberechtigte Mitglieder).

Und unsere Gruppe erwartet von jedem die gleiche Transparenz. Und hier setzt eine Gruppendynamik der Enthüllungsaktivitäten an, die in vielen Fällen vollkommen konträr zu den Absichten z.B. von social-media-engagierten Firmen ist: Letztere möchten soviel wie möglich herauszufinden über ihre Zielgruppen, Wähler, Kunden, Bürger, Konsumenten und Wettbewerber etc. Sie tun dies größtenteils, um ihre Position zu sichern. Sie möchten ihre Zielgruppen für sich transparenter machen, um beispielsweise deren Konsumgewohnheiten besser zu kennen und ihnen noch besser die eigenen Produkte zu verkaufen. Ein beiden Seiten bekanntes und in vielen Teilen akzeptiertes Prinzip – solange die Transparenz gleichberechtigt funktioniert.

Jedoch: Der Großteil der klassischen Institutionen und Unternehmen ist hausintern eher hierarchisch und intransparent strukturiert. Sie kommunizieren und funktionieren vertikal: Es gilt die klassische Befehlskette von oben nach unten mit weniger Transparenz für die untersten Ebenen und Bündelung der meisten Information in den Spitzen-Ebenen.

Der Großteil der klassischen Institutionen und Unternehmen möchte auch eben genauso die eigenen Produkte verkaufen: Ziel ist viel Transparenz über die Präferenzen der Zielgruppen – jedoch möglichst unter wenig echter Transparenz und Preisgabe von eigenen Interna zurück an die Zielgruppen. Eine einseitige Kommunikation.

Die Privatsphäre der Zielgruppen wird damit minimiert – die eigene jedoch geschützt.

Die meisten der klassischen Institutionen und Unternehmen stehen strukturell im klaren Gegensatz zur flach hierachischen und intensiv vernetzten Struktur des Internet. Diese Struktur aus lauter kleinen Gruppierungen ist für Veränderungen wesentlich flexibler und kann schneller reagieren (und sie entspricht eher den Organisationsstrukturen in Natur und Physik).

Das ist die Ursache für die vielen kleinen und großen Konflikte in der internetbasierten Kommunikation (und mittlerweile auch stark zunehmend in der „echten“ Welt*). Wer sich in eine Gruppe begibt, der muss sich bewusst sein, dass dies nur auf Augenhöhe geht. Die Gruppe erwartet von jedem die gleiche Transparenz. Wer sich intransparent zeigt, schließt die Gruppe aus – und provoziert geradezu das Aufkommen intensiver Enthüllungsaktivitäten (siehe beispielsweise bei der Marke Jack Wolfskin, die sich innerhalb ihrer Zielgruppe unsozial verhielt und deren Vergehen der Vergangenheit und Gegenwart in Folge von ehemaligen Zielgruppen transparent gemacht wurde, oder siehe WikiLeaks).

Das Fazit ist interessant:
Eigentlich möchten beide Seiten mehr Transparenz vom Gegenüber. Eigentlich bewegen sich beide Seiten aufeinander zu. Jeder möchte mehr vom anderen wissen.

Und die Währung dafür ist die gesteuerte Freigabe von Teilen der eigenen Privatsphäre.

Große Organisationen, Institutionen und Unternehmen scheinen hier im Vorteil, da sie anscheinend mehr Mittel haben, um ihre Zielgruppen und deren Individuen transparenter zu machen. Dies ist jedoch nur bedingt richtig. Es ist eine beiderseitige Entwicklung. Denn auch die Menschen – die Ziel-Gruppen – entwickeln sich. Sie schaffen mehr und mehr Mittel und Fähigkeiten, ihre eigene Privatsphäre gesteuert zu schließen oder zu öffnen.

Privatsphäre wird allerdings heute anders definiert als vor 10-15 Jahren. Wir leben zunehmend sozial transparenter.

Gerade die Generationen der unter 30jährigen (die „Digitalen Eingeborenen“) sowie die Gruppe der beruflich intensiv mit dem Internet Arbeitenden wirken hier als Treiber. Sie nutzen die digitalen Medien zur sozialen Vernetzung. Dennoch ist nach wie vor für beide Seiten die eigene Privatsphäre ein sehr wichtiger Faktor. Es geht um individuelle gesteuerte Transparenz vereint mit gesteuerter Privatsphäre.

Daher sehe ich diesen Megatrend mit dem Begriff Open Privacy (im Sinne von Open Source) als passend beschrieben, weil er in seiner Zwiespältigkeit auch die Ideen wie auch Konflikte eingängiger thematisiert. Und ich glaube, dass der Begriff Post Privacy, der in der Bedeutung eine Zeit „Nach-der-Privatsphäre“ (also eine Tendenz zur totalen Aufgabe der Privatsphäre), hier an der Entwicklung vorbei geht.

 

PS: Unabhängig von der Wortfindung: Dieser Trend Open Privacy wirkt dynamisierend und weist auf Intransparenzen hin. Bedürfnisse nach Klärung werden deutlicher. Bedingt dadurch entstehen auch Gruppenkonflikte – denn der zunehmend sichtbare Konflikt zwischen Transparenz und Privatsphäre ist eben auch ein gruppendynamisches Phänomen. Er bringt auch die Zunahme von lokalen und globalen Konflikten in Gesellschaften und Wirtschaft. Und leider unterstützt der Trend zur Open Privacy auch die Zunahme kriegerischer Konflikte, wie wir es beispielsweise im arabischen Raum sehen.
Hier müssen wir schnell Wege finden, um diese weiterhin zunehmenden Klärungs-Konflikte friedlich zu lösen.

Testimonials

„Ich hatte Ihrem Vortrag diesen Montag im Rahmen der Logistik-Veranstaltung gelauscht. Ich fand den Vortrag sehr gut und spannend vorgetragen! Ich würde ich mich über eine Kontaktbestätigung freuen.“
A. Ikram, Itemis. Teilnehmer v. Konferenz & Wissenschaftstag der Logistik-Initiative Hamburg

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